Friedrich Merz prägt die CDU mit neuem konservativem Selbstverständnis
Elias FrankeFriedrich Merz prägt die CDU mit neuem konservativem Selbstverständnis
Die Bedeutung von "konservativ" in der deutschlandweit gemäßigteren Mitte-rechts-Politik hat sich in den letzten 20 Jahren radikal gewandelt. Was einst ein vorsichtig verwendetes Etikett war, wird heute – besonders unter CDU-Chef Friedrich Merz – oft mit Stolz getragen. Seine Führung markiert einen deutlichen Bruch mit Angela Merkels zentristischem Kurs und setzt stattdessen auf traditionelle Werte und wirtschaftliche Liberalisierung.
Anfang der 2000er Jahre lehnte Merz den Begriff "konservativ" noch ab und bezeichnete sich lieber als "neoliberalen Modernisierer". Damals hatte das Wort in der politischen Mitte wenig Prestige. Heute ist die Verschiebung spürbar: "Konservativ" gilt als positive Identität, während "neoliberal" zunehmend kritisch gesehen wird.
Merz definiert Konservatismus nun als Wertschätzung des Bestehenden, als skeptische, aber offene Haltung gegenüber Neuem und als respektvollen Umgang mit Andersdenkenden – selbst bei unterschiedlichen Meinungen. Er argumentiert, Konservative lehnten die Vorstellung absoluter Gleichheit ab und setzten stattdessen auf Anerkennung durch Leistung, Verdienst und etablierte Autorität. Diese Haltung korrespondiert mit seiner grundsätzlichen Kritik am modernen Liberalismus, den er – ähnlich wie der Soziologe Andreas Reckwitz – als eine Krise des Übermaßes begreift.
Unter Merz' Führung betont die CDU stärker die Leitkultur – einen prägenden kulturellen Rahmen. Damit distanziert sich die Partei von Merkels zentristischer Linie und grenzt sich zugleich vom radikalen Kulturnationalismus der AfD ab. Aktuelle CDU-Vorschläge umfassen Bundestagsdebatten zur Stärkung der Leitkultur, etwa zur Verbesserung des städtischen Zusammenlebens und zum Schutz der akademischen Freiheit. Zwar lehnt Merz die Extreme der AfD ab, doch bleibt die konkrete Ausgestaltung der Leitkultur in seiner Partei vage – mit einem Fokus auf Recht und Ordnung, besonders im Hinblick auf mögliche vorgezogene Neuwahlen 2025.
Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher weist darauf hin, dass konservative Parteien nicht einfach nur Wandel ablehnen, sondern ihn aktiv mitgestalten – mit Skepsis, aber auch konstruktivem Engagement. Merz' Vision spiegelt diesen Spagat wider: Er verbindet wirtschaftliche Freiheit mit der Verteidigung von Tradition. Den Niedergang der SPD im Ruhrgebiet führt er auf deren wahrgenommene Geringschätzung von Fleiß zurück – eine Lücke, die die AfD nutzt. Sein eigener Konservatismus verzichtet jedoch auf Feindbilder und setzt stattdessen auf Selbstbewusstsein in einer modernen, liberalen Welt, in der sich Konservative vielleicht nie ganz zu Hause fühlen werden.
Der Kurswechsel der CDU unter Merz bedeutet eine Rückkehr zu klaren konservativen Prinzipien nach Jahren der zentristischen Ausrichtung. Die Partei steht nun für Leitkultur, wirtschaftliche Freiheit und einen skeptischen, aber anpassungsfähigen Umgang mit gesellschaftlichem Wandel. Wie sich diese Strategie in den Wahlen 2025 bewähren wird – und ob sie den Aufstieg der AfD bremsen kann – bleibt abzuwarten.