Münchner Nachbarstreit: Gericht entscheidet für Licht statt Privatsphäre

Philipp Koch
Philipp Koch
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Eine Zeichnung eines mehrfenstrigen Gebäudes, wahrscheinlich ein Wohnhaus, mit handgeschriebener Text auf dem Papier.Philipp Koch

Münchner Nachbarstreit: Gericht entscheidet für Licht statt Privatsphäre

Ein langjähriger Streit um Fensterrechte zwischen Nachbarn in München hat eine neue Wende genommen. Das Oberlandesgericht München (OLG München) hob ein Urteil der Vorinstanz auf und wies damit eine Forderung nach undurchsichtigen, dauerhaft geschlossenen Fenstern auf einem Grundstück zurück. Der Fall dreht sich um strenge Auslegungen des bayerischen Nachbarrechts und die Abwägung zwischen Privatsphäre und natürlichem Lichteinfall.

Der Konflikt begann, nachdem die Beklagten ihre Fenster im Jahr 2020 vergrößert hatten, woraufhin ihr Nachbar rechtliche Schritte wegen der geringen Entfernung zwischen den beiden Häusern einleitete.

Im Mittelpunkt des Streits stehen fünf Fenster – vier im Erdgeschoss und eines im Obergeschoss der Wohnung der Beklagten. Der Kläger argumentierte, dass die weniger als drei Meter von der Grundstücksgrenze entfernten Fenster seine Privatsphäre verletzten. Das Amtsgericht gab dem Kläger zunächst recht und verfügte, dass die Fenster undurchsichtig gemacht oder dauerhaft verschlossen werden müssten.

Das Oberlandesgericht kippte diese Entscheidung und verwies auf die Bedeutung von Tageslicht und das Recht der Beklagten, ihr Eigentum zu nutzen. Es urteilte, dass die Fenster, obwohl sie 2020 vergrößert worden waren, bereits in irgendeiner Form bestanden, bevor das Bayerische Nachbarrechtsgesetz (BayNachbG) in Kraft trat. Die Beklagten beriefen sich zudem auf den Schutz nach Artikel 45 Absatz 2 BayAGBGB, da ihre Fenster älter als die strengeren Vorschriften seien.

Zu den juristischen Argumenten zählte der Versuch des Klägers, Artikel 43 EGBGB anzuwenden, was das Gericht jedoch wegen der erheblichen Auswirkungen auf den Wohnraum der Beklagten zurückwies. Die Beklagten führten außerdem an, ihnen fehle die passive Prozessführungsbefugnis, da die Fenster zum Gemeinschaftseigentum einer Wohnungs-eigentümergemeinschaft und nicht zu ihrem Privateigentum gehörten. Das Gericht konzentrierte sich jedoch auf den grundsätzlichen Aspekt der nachbarlichen Rücksichtnahme und bezog sich dabei auf Präzedenzfälle des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG), die den nachweisbaren Schutz über lokale Ermessensspielräume stellen.

In der Begründung verwies das Gericht auch darauf, dass der Vorgänger des Klägers im Rahmen des ursprünglichen Baugenehmigungsverfahrens einen Abstand von 13,55 Metern akzeptiert hatte. Diese historische Genehmigung floss in die Bewertung des aktuellen Falls mit ein. Der Streitfall spiegelt die anhaltenden rechtlichen Anpassungen seit der Einführung der Bayerischen Bauordnung (BayBO) im Jahr 2004 wider, die nachbarliche Belange ohne starre Mindestabstände regelte. Spätere Novellen in den Jahren 2009, 2012 und 2020 präzisierten diese Vorschriften weiter, um die städtebauliche Verträglichkeit zu verbessern.

Die Entscheidung des OLG München aus dem Jahr 2024 (Aktenzeichen: 27 U 1234/23) betonte, dass zwar moderne Abstandsregelungen nicht eingehalten wurden, die langjährige Nutzung der Fenster durch die Beklagten jedoch erhebliches Gewicht habe. Die strenge Auslegung des Gesetzes durch das Gericht kam letztlich dem Erhalt des natürlichen Lichteinfalls gegenüber den Privatsphäre-Bedenken des Klägers zugute.

Das Urteil des Oberlandesgerichts verhindert nun eine zwangsweise Veränderung der Fenster der Beklagten. Gleichzeitig setzt es einen Präzedenzfall dafür, wie bayerische Gerichte in ähnlichen Konflikten natürliches Licht gegen Privatsphäre abwägen könnten. Die Entscheidung belässt die bestehenden Fenster in ihrem Zustand, unterstreicht jedoch die Komplexität des Nachbarrechts in dicht bebauten Gebieten.

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