Pharma-Streit um Europas Arzneimittelabhängigkeit: Wer trägt die Verantwortung?
Lara BauerPharma-Streit um Europas Arzneimittelabhängigkeit: Wer trägt die Verantwortung?
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Debatte, als Führungskräfte aus der Pharmabranche und Vertreter der Krankenversicherer über die Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgung in Europa aneinandergerieten. Beide Seiten vertraten grundverschiedene Positionen zur Bewältigung der Abhängigkeit von ausländischer Produktion – insbesondere bei essenziellen Generika und Antibiotika. Die Diskussionen offenbarten tiefe Gräben in Fragen der Bevorratung, Handelsabkommen und der Notwendigkeit einer größeren Eigenständigkeit in der Medikamentenherstellung.
Den Auftakt der Kontroverse markierte Kerem Inanc, Vorstandsvorsitzender von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), der die Vorstellung infrage stellte, Europas Lieferketten seien bereits krisenfest. Er betonte, dass Schwächen in Logistik und Beschaffung offen angesprochen werden müssten, und forderte eine Verlagerung der Produktion nach Europa. Seine Äußerungen setzten den Ton für eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Abhängigkeit von Drittstaaten.
Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, unterstrich diese Haltung mit der Warnung, dass bloße Gespräche die starke Abhängigkeit Europas von China bei Antibiotika und Generika nicht beheben würden. Ein geplantes Freihandelsabkommen mit Indien bezeichnete er als "absurd" – es könne zwar den Handel ankurbeln, schwäche aber die Resilienz bei der Versorgung mit Generika. Tim Steimle von der Techniker Krankenkasse (TK) verteidigte hingegen das Abkommen und verwies darauf, dass Rabattverträge bereits zu Liefervereinbarungen weiterentwickelt worden seien – wenn auch nicht für Kinderarzneimittel.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BPI), betonte, dass eine Bevorratung von Generika praktisch nicht umsetzbar sei und die Gesundheitspolitik zunehmend mit industriellen und sicherheitspolitischen Fragen verschmelze. Er forderte Investitionen in Forschung und Produktion, um Deutschlands Unabhängigkeit bei Medikamenten zu sichern. Inanc konterte, dass das Regierungsziel einer sechsmonatigen Bevorratung unzureichend sei, und mahnte konkretere Planungen für reale Krisenszenarien an.
Die Bundesregierung hat bereits Schritte eingeleitet, um die Abhängigkeit von China zu verringern – auch als Reaktion auf Versorgungsengpässe wie die geplante Lücke bei Benzylpenicillin-Benzathin im Januar 2026. Ab März 2026 sollen 50.000 Packungen aus Portugal importiert werden, genehmigt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Für den Sommer 2026 ist zudem ein Entwurf für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz geplant, das Bevorratung und Produktionskapazitäten stärken soll. Auf EU-Ebene zielt der Critical Medicines Act darauf ab, die lokale Produktion zu fördern und Lieferketten zu diversifizieren.
Die Konferenz legte die klaren Gegensätze zwischen den Forderungen der Industrie nach Investitionen und der Skepsis der Versicherer gegenüber der Dringlichkeit offen. Zwar hat die Regierung Maßnahmen wie Importe und Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, doch Branchenvertreter wie Weigold und Joachimsen bestehen auf tiefgreifendere strukturelle Reformen. Ohne eine größere Eigenständigkeit, so ihre Warnung, bleibe Europas Arzneimittelversorgung anfällig für externe Störungen.






